RUSSLAND, DIE UKRAINE UND WIR 

April 2025

Frieden nein, Stärke ja? 

Seit Kurzem gibt es eine zweite Zeitenwende. Der Präsident der USA verliert das Interesse an der Ukraine. Seine Vorgänger (und er selbst) hatten den Konflikt in der Ukraine maßgeblich mitverursacht und den Hass eines Teils der Ukrainer gegen Russland für sich genutzt. Jetzt gibt es für ihn wichtigere geostrategische Ziele. Die Europäer sind seit 2022 tief verstrickt in diesen Konflikt. Eine Lösung ohne Gesichtsverlust gibt es nicht und so ist eine Eskalation zu befürchten. Mehr noch: Die Ankündigungen eines Trump (man kann zu ihm stehen wie man will) Frieden zu schaffen, über die Köpfe der Ukrainer hinweg, passt den Europäern gar nicht. Frieden nein, Stärke ja. Es wäre eine Einladung an Putin, sagt man, zu testen, wie weit er gehen kann mit seinen imperialen Großmachtinteressen. 

Zu den Geschehnissen seit 2013/14 gelten festgeschriebene westliche Narrative. Aber könnte es auch anders gewesen sein? 

Das ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern der Versuch, die Ereignisse, in die wir hineingeschlittert sind, zu begreifen. Sie beschäftigen mich fast täglich. Meine Schlussfolgerungen sind andere. Ich hoffe, nicht der Einzige zu sein. Diesen Text sende ich zunächst nur an Freunde und Bekannte. Es steht euch frei, zu antworten, sich abzuwenden, zuzustimmen oder gar nichts zu tun. 

Meine Motive 

1967 bis 1972 habe ich in der damaligen Sowjetunion gelebt, studiert, meinen Beruf erlernt, und ihn lebenslang ausgeübt. Seither sind 53 Jahre vergangen. Mit Recht könnte man sagen, dass dieser zeitliche Abstand nicht berechtigt, Schlüsse auf die Gegenwart zu ziehen. Es bleibt aber ein Gefühl der Sympathie und die Verpflichtung, sich nicht brüsk abzuwenden von Russland und seinen Menschen. Ich weiß, dass die, mit denen ich gelebt und studiert habe, einen anderen Blick haben auf das Geschehen. Aber das Meiste deckt sich doch mit den Gewissheiten, die man haben kann, wenn man unvoreingenommen recherchiert. Ich höre den Einwand eingeschränkter Meinungsfreiheit, Angst vor Verfolgung und Bestrafung in Russland. 

Ich stehe in ständigem Austausch mit „meinen Russen“, bekomme Dinge weitergeleitet, die die Positionen Russlands und Putins zeigen. Im Abgleich mit unseren Veröffentlichungen achte ich darauf, populistische Äußerungen zu ignorieren. 

Nach Beginn des Krieges habe ich meinen russischen Bekannten geschrieben, ich schäme mich dafür, wie mit deutschen Waffen erneut eure Söhne getötet werden. 

Wir alle, die wir ein Wissen oder eine Meinung haben, können es mit Gewissheit nicht wissen. Alles haben wir nur gehört, gesehen, gelesen. Von wissenschaftlichen Kenntnissen bis zu politischen Überzeugungen kam alles von irgendwoher in unseren Kopf. Selbst das, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, lässt selten Rückschlüsse auf die zugrundeliegende Wahrheit zu. Zu Kriegsbeginn konnte man das erfahren, als Politiker und Medienvertreter sich von Selenskyj die von den Russen zerschossenen Häuser zeigen ließen. Es hat funktioniert. Politiker haben es 

zur Grundlage weitreichender Entscheidungen gemacht und Medienvertreter berechtigt, das so zu verbreiten. Die Ukrainer hatten Wohn- und Krankenhäuser als Schutzschilde für ihre Soldaten missbraucht. Das ist ein Kriegsverbrechen. 

Um es vornweg zu sagen: Ich traue der ukrainischen Regierung mit Selenskyj so wenig, wie die meisten ihr zu vertrauen scheinen. 

Wenn man bereit ist, die Ereignisse in chronologischer Folge zu betrachten, kommt man zu anderen Schlüssen. Man muss bereit sein, man muss die Zeit und den Willen aufbringen, tiefer einzudringen. Man muss die Veröffentlichungen in gesundem Maße hinterfragen. Man muss fragen, wem nutzt es. Man muss auch die vielen Wortmeldungen, Bücher und andere Veröffentlichungen neben den Leitmedien wahrnehmen. Man muss es nicht tun, wenn man sich eingerichtet hat in der Komfortzone der Übereinstimmung mit fertigen Narrativen. 

Meine Quellen 

Politik und Medien zeichnen ein Bild von Russland, den Ursachen des Krieges, der Ukraine und der Rolle Deutschlands, denen zu folgen ich nicht bereit bin. Neben den politischen Verlautbarungen und leitmedialer Berichterstattung gibt es Beiträge, die ein anderes Bild zeichnen. Meine Quellen sind Bücher, Vorträge, Interviews, Talk-Runden, Nachrichten aus Russland und Gespräche: 

Harald Welzer 

Richard David Precht 

die Partei BSW 

die Partei Die LINKE 

Sahra Wagenknecht 

Oskar Lafontaine 

Jeffrey Sachs 

Michael von der Schulenburg 

Daniel Ganser 

Patrik Baab 

Thomas Jäger 

Jürgen Habermas 

Erich Vad 

Wolfgang Richter 

Harald Kujat 

Georgi Varga 

Gerd Schultze-Rhonhof 

Gabriele Krone-Schmalz 

Tucker Carlson 

Henry Kissinger 

Alice Schwarzer 

Alexander Kluge 

Viktor Orban 

Zoran Milanovic 

Gerhard Schröder 

Ulrike Guerot 

Jörn Leonhard 

Peter Hahne 

José A. Zorilla 

Benjamin Abelow 

Wolfgang Richter 

Klaus von Dohnanyi 

Eugen Drewermann 

Joseph Cap 

Gerald Markel 

Chas Freemann 

Antispiegel 

Thomas Röper 

Ja, auch die beiden letztgenannten Quellen habe ich herangezogen, bei aller Vorsicht und Skepsis. 

Opportunismus? 

Es ist auffällig, dass Politiker, Wissenschaftler, Historiker, Militärs, Publizisten, Journalisten mit ihrem Wissen erst dann in die Öffentlichkeit treten, wenn sie nicht mehr aktiv, nicht mehr in einer Hierarchie eingebunden, im Ruhestand oder Freiberufler sind. Juristische Konsequenzen hatten sie nie zu befürchten. Das ist so in einer Demokratie. Aber sie treten erst dann in Erscheinung, wenn keine Nachteile für ihr Leben und das berufliche Fortkommen existieren. Alle hatten in der davorliegenden Zeit ein Privatleben, eine Familie, für die sie Verantwortung haben. Also ordneten sie sich ein. Ich glaube, dieser Aspekt, der bis in das Private, selbst in das von Staatenlenkern hineinreicht, erklärt in Teilen vieles, was in der Welt vor sich geht. 

Die Ereignisse 

Es gibt einige Schlüsselmomente bei den Geschehnissen in der Ukraine seit 2014. Die oben genannten Persönlichkeiten haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Ereignissen dazu ihre gegensätzlichen Einlassungen zu den offiziellen Lesarten und nachfolgenden Maßnahmen gemacht. Alle Vorgänge finden völlig gegenteilige Bewertungen durch Russland und den Westen. 

NATO-Osterweiterungen 1999 bis 2024 in 16 Staaten 

Einflussnahme der USA in der Ukraine seit 1991 mit 5 Mrd Dollar bis 2014, 4 Mrd Dollar bis 2022. 

2014 Maidan, Staatsstreich vers. Revolution, Rolle der USA, Flucht Janukowytschs 

2014 Krim-Besetzung als Antwort auf den Staatsstreich, Referendum, Parlamentswahlen, Annexion vers. Sezession 

ab 2014 Separatistenbewegungen in Donezk und Luhansk nach dem Staatsstreich 

2014-2022 Krieg ukrainischer und nationalistischer Truppen in der Ostukraine gegen die Separatisten mit 14000 Toten. 

2019 Wahl Selenskyjs, 

Die Minsk I und II Abkommen und ihr Scheitern 

Anerkennung der Volksrepubliken durch Russland 2022 

Angriff auf die Ukraine 2022 

Istanbul 2022 

Butscha 

Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland 

Sanktionspolitik der EU 

Sprengung der Nordstream-Pipelines als kriegerische Maßnahme gegen Deutschland 

Dieser Link öffnet eine detailierte tabellarische Zusammenstellung der Ereignisse zwischen 2013 und 2025: 

https://www.guentherhaussmann.de/wp-content/uploads/2025/08/Chronologie-ChatGPT.docx

Nun, wir waren alle nicht dabei, können es mithin nicht wissen. Es bleibt nur, die gegenteiligen Bewertungen zur Kenntnis zu nehmen. Wovon wir aber wissen, ist unsere Beteiligung an einem Krieg. Dagegen kann man etwas tun. 

Der Brief 

511000 Menschen haben den offenen Brief vom 29. April 2022 an Olaf Scholz unterzeichnet, den Persönlichkeiten der deutschen Öffentlichkeit an den Bundeskanzler gerichtet haben. Sie baten Scholz, keine weiteren schweren Waffen an die Ukraine zu liefern, alles dazu beizutragen, dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann, zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können. Es gibt die prinzipielle politisch-moralische Pflicht, schrieben sie, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik. Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis. Sie bezweifelten, dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur. 

Ist es unter dieser Maßgabe richtig zu sagen, dass die Entscheidung, ob und wie der Krieg beendet wird, allein das ukrainische Volk treffen kann? Ist es die ukrainische Bevölkerung oder deren Regierung? Ich kann nicht glauben, wie ukrainische Soldaten und die Bevölkerung heldenhaft die Fortführung des Krieges fordern sollten. Wehrpflichtige werden von der Straße weg rekrutiert. Andere kauften sich frei oder flohen ins Ausland. Mütter gefallener Söhne sollen weiter so, bis zum Sieg! rufen? Wünschen sich alle, die Russen zurückzuschlagen, koste es an Blutzoll, was es wolle? 

Ein General soll mal gesagt haben: Lasst mich eine Kompanie aus den Söhnen der Elite rekrutieren und der Krieg wird am nächsten Tag vorbei sein. 

Im Straßenbild, kann man lesen, gibt es kaum noch Männer, nur Frauen, Kinder, Alte. Man lässt ein Volk ausbluten, mit unserer Hilfe, um des geostrategischen Willens hauptsächlich der USA, dem wir kritiklos folgen. Das transatlantische Bündnis als jahrzehntelanges Zeugnis internationaler Zusammenarbeit macht uns jetzt zum Mitschuldigen an einem Krieg. 

Muss man den Gedanken zulassen, dass Selenskyj und seine Regierung die Einstellung der Feindseligkeiten auch deshalb nicht zulassen, weil dann der Vorwand für die Verlängerung des Kriegsrechts wegfällt. Und wenn das Kriegsrecht 

aufgehoben werden muss, bedeutet das, dass man Wahlen durchführen muss, denn die Präsidentschaftswahlen haben nicht fristgemäß stattgefunden. Aber die Chancen, sie zu gewinnen, sind für ihn und seine Regierung gering. 

Das Interview 

2022 habe ich ein Interview mit einer nach Deutschland geflohenen Ukrainerin aufgezeichnet und geht mir seither nicht aus dem Sinn. Enden wird das alles in einem Deal, sagt sie, den beide Seiten als Sieg verkaufen können. Aber was ist dann in der Ukraine los? Es wurden massenhaft Waffen in Umlauf gebracht. Man hat für den Kampf Häftlinge freigelassen, auch Gewalttäter und Mörder. Laut Regierung sind ausländische Kämpfer in fünfstelliger Zahl im Land, ideologisch hoch motiviert, nicht selten rechtsradikal. Nach dem Krieg werden diese jungen Männer traumatisiert sein und zugleich euphorisch über den „Sieg“. Wer sammelt dann die Waffen wieder ein? Wer bringt die „Legionäre“ unter Kontrolle? Man muss nicht ängstlich sein, um überall, wo sich diese Kräfte dann bewegen können, wilde Rache an „Verrätern“ zu fürchten. Wer sollte das stoppen? Die Polizei und Justiz, die den Massenmord im Gewerkschaftshaus von Odessa nicht ahnden? Viele dieser Waffen werden in kriminelle Hände geraten. Auch darunter wird das Land noch lange leiden. Die Medien liefern ein Zerrbild. Ihnen zufolge steht die ganze Ukraine Gewehr bei Fuß gegen den Aggressor. Nach ihrer Wahrnehmung sehen viele im Osten die Katastrophe nach wie vor auch als bittere Konsequenz des Euromaidan. Als 2014 mit offener Unterstützung fremder Mächte eine gewählte Regierung gestürzt wurde, roch es nach Krieg. Die Ukrainer führen einen asymmetrischen Stellvertreterkrieg, in dem die NATO die Ukraine ja auch militärisch, logistisch, finanziell und mit Waffen massiv unterstützt, mit der Absicht, Russland zu destabilisieren, weshalb der Krieg solange wie möglich dauern muss. Ich weiß nur, sagt sie, dass die Ukraine, als der Krieg begann, ein korrupter Oligarchenstaat ohne unabhängige Justiz war und damit kein Rechtsstaat, weshalb ihr bisher unter anderem die Aufnahme in die EU verweigert wurde. Wie es wohl dort nach dem Krieg weitergehen wird? 

2024 haben 88,5 % der Russen Putin zum Präsidenten wieder gewählt, bei einer Wahlbeteiligung von 77,49 %. Die Wahlen wurden von westlichen Beobachtern als weder frei noch fair eingestuft. Da mag stimmen. Ich war DDR-Bürger. Trotzdem gibt es einen Rückhalt in der russischen Bevölkerung für die Politik Putins und seiner Regierung. Er hat die Fehler vergangener Präsidenten nicht fortgesetzt. Russland hat eine gute wirtschaftliche und soziale Entwicklung genommen. Konnte das dem Westen gefallen? Es hat ihm nicht gefallen! 

Putin ist in seinen Reden bis ins Mittelalter zurückgegangen und hat dafür vom Westen Spott geerntet. Er hat das aber nicht für uns getan, sondern für sein Volk und damit Stolz und Verständnis erzeugt. Ein Deutscher kann sich solche Betrachtungen nicht leisten. 

Nationalismus in der Ukraine 

Es gibt sie bis heute: nationalistische, neofaschistische und antirussischen Kräfte in der Ukraine. 

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kollaborierte ein Teil dieser extrem nationalistischen Elite mit Hitler. Die deutschen Truppen, sogar die SS-Truppen, ließen Hitlers Kollaborateure die schmutzigste Arbeit verrichten, nämlich die Ausrottung der polnischen und jüdischen Bevölkerung. Es kam zu Massakern an der polnischen und jüdischen Bevölkerung, aber auch an der russischen Bevölkerung. Angeführt wurde es von den bekannten Personen Bandera und Schuchewitsch. Diese Leute sind bis heute Nationalhelden. Es gibt wohl kein Land sonst in Europa, wo nationalistische und nazistische Vergangenheit so wenig aufgearbeitet ist, wie in der Ukraine. Denkmäler für diese Männer gibt es bis heute. 

Seit 2014 wurden starke paramilitärische Kräfte ausgebaut, dazu gehört das bekannte Asow-Regiment. Es gibt viele dieser Gruppen, die zwar unter ukrainischem Kommando stehen, aber nicht nur aus Ukrainern bestehen. Das ist eine Fremdenlegion. Insgesamt sind diese rechtsextremen Gruppen ungefähr 100 000 Kämpfer stark, laut Reuters. Die Ukraine förderte diese paramilitärischen Kräfte. Das sind Fanatiker mit einem starken Rechtsextremismus. Sie einte der Hass auf Kommunisten, Hass auf Russen und Hass auf Juden. Geblieben ist der Hass auf Russen. Das war der Hintergrund für die militärischen Aktionen im Osten der Ukraine, die überwiegend von Russen bewohnt werden. Diese antirussische Politik zeigte sich 2019 in dem Gesetz, sofort nach der Wahl Selenskyjs, wonach nur noch die ukrainische Sprache als offizielle Staatssprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, staatlicher Einrichtungen, Schulen und Medien erlaubt war und faktisch einem Verbot des Russischen gleichkam. Es ersetzte ein früheres Gesetz aus dem Jahr 2012, wonach Russisch noch den Status einer regionalen Sprache hatte in Gebieten, in denen die russischsprachige Bevölkerung mehr als 10% ausmachte und galt für den gesamten öffentlichen Bereich. 

Als der Krieg begann, haben mir meine Russen ein Bild geschickt, mit bewaffneten Kämpfern und einer Hakenkreuzfahne auf einem Panzer. Ich habe das für Propaganda gehalten, als Teil der gesteuerten Medien und um den Angriff zu rechtfertigen. 

Es gibt bis heute in Kiew die Bandera-Alle, eine Magistrale mitten in der Stadt. Das ist so, als würde es bei uns noch Straßennamen von Nationalsozialisten geben. 

Der ehemalige ukrainische Botschafter in Deutschland Melnik rechtfertigt diese Gruppierungen. Er war es auch, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Deutschen mit Bezug auf russisches Gas vorwarf: Ihr heizt eure Wohnungen mit dem Blut der Ukrainer. Man hat es ihm nachgesehen, weil sein Land sich im Krieg befindet. 

Alles, was ich bisher über Nationalismus und Nazismus in der Ukraine erfahren habe, ist höchst irritierend. Den Kriegsverlauf in diesem Licht zu betrachten, wäre hilfreich, um nicht blind nur einer Erzählung zu folgen. Ich beginne, die russische Sicht zu begreifen, nicht zu rechtfertigen, zu begreifen. 

Mit diesem Link öffnet sich eine 18-seitige Deep Research in 129 Quellen mit ChatGPT vom 13.3.25 auf die Frage: Welche Rolle spielten von 2014 bis 2022 neofaschistische und nationalistische Gruppierungen in der Ukraine? (Muss ich darauf verweisen, dass die Recherche eine Maschine gemacht hat? Die Texte stammen aber von Menschen) 

https://www.guentherhaussmann.de/wp-content/uploads/2025/08/Nationalismus-ChatGPT.docx

In deutschen Medien tauchen die Worte Neofaschismus und Nationalismus im Zusammenhang mit der Ukraine nie auf. Über ein Wesensmerkmal ukrainischer Politik der jüngsten Vergangenheit wird also nicht informiert. Es ist aber ein russisches Ziel des Krieges. In Deutschland würde das heftige Reaktionen auslösen und die Unterstützung infrage stellen. 

Russophobie 

Der Stolz auf den Sieg über Nazideutschland ist tief in der DNA der Russen verankert. Wer Russland der Neuzeit verstehen will, muss das begreifen. Und ausgerechnet die Nachbarn, mit denen sie sich noch vor Kurzem als ein Volk verstanden haben, pflegen eine nazistische, russenfeindliche Politik. Es gibt Gründe für diesen Hass, der zulasten ehemaliger Regierungschefs in sowjetischen Zeiten geht. Holodomor ist nur ein Stichwort. Aber es gibt keinen Grund generationsübergreifend diesen Hass weiter zu vererben. 

Wir, ausgerechnet wir Deutschen, unterstützen eine Regierung, die nichts, aber auch gar nichts gegen eine nazistische Vergangenheit unternimmt. Warum höre ich nichts vom Zentralrat der Juden in Deutschland? Selenskyj sei selbst Jude. Nun, das genügt, um das Argument des Nazismus zu entkräften. Dem Westen genügt der Russenhass, um die ukrainische Regierung zu stützen. 

Die Russophobie ist eine in Europa verbreitete und ständig befeuerte Erscheinung. Sie beleidigt eine Nation, die uns vom Faschismus befreit hat, mit Millionen von Opfern. Es ist mehr als die Angst vor den Russen, es ist Hass, Russomisie. 

Wir haben unsere Freiheit und Demokratie diesen Russen zu verdanken. 1990 zog Russland 500000 Soldaten aus Deutschland ab unter der Zusage, die NATO nicht weiter auszudehnen. Gorbatschow hat damals alles riskiert für seine vielleicht zu idealistische Vision vom ‚Gemeinsamen Haus Europa‘. Aus der Sicht der meisten heutigen Russen hat er zu viel, zu schnell und zu ungeschützt agiert, weswegen sein Bild im eigenen Land sehr eingetrübt ist. 

Die NATO 

1999 bis 2024 hat sich die NATO ständig nach Osten erweitert, näher an die russische Grenze. Immer wieder hat Putin das kritisiert, rote Linien gezeichnet. Der Westen hat das Vertrauen Russlands ständig missbraucht und am Ende zerstört. Ohne dieses zerstörte Vertrauen ist Putin nicht zu erklären, ja, er ist das direkte Ergebnis dieses Prozesses. 

Stattdessen gab es seit dem Bukarester Gipfel 2008, wo zum ersten Mal der Ukraine und Georgien der NATO-Beitritt in Aussicht gestellt wurde, mehrere Anläufe für den Beitritt, zuletzt 2023 in Vilnius mit der Gründung des Ukraine-NATO-Rates und 2025 auf der Münchener Sicherheitskonferenz mit der wiederholten Forderung Selenskyjs. 

Russland betrachtet eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine als Bedrohung und benennt dies als einen der Gründe für den Angriff. 

Das Argument, die NATO sei ein Verteidigungsbündnis und jeder Staat habe zu seinem Schutz das Recht, die Mitgliedschaft zu beantragen, mag stimmen. Aber die USA haben Russland zum Systemgegner erklärt und aus dieser Sicht stimmt diese Argumentation aus russischer Sicht nicht. 

Man stelle sich vor, ein Staat richtet eine Militärbasis auf dem amerikanischen Kontinent ein. Zuletzt geschehen 1962 auf Kuba, dann aber nie wieder irgendwo in der Nähe der USA. Die USA dagegen unterhalten etwa 750 Basen in rund 80 Ländern mit oder ohne Einverständnis der dortigen Staaten. Die USA wollen eine unipolare Welt. 

Nicht Russland muss man imperialistisches Verhalten vorwerfen, sondern doch eher den USA. Fakt ist, der Westen hatte in den Neunzigern die Jahrhundertchance einer friedlichen Neugestaltung Europas fahrlässig verspielt (Woran die USA ein entgegengesetztes Interesse hatten und bis heute haben). 

Chancen 

Putin äußerte noch zu Beginn seiner Amtszeit, er könne sich einen Beitritt Russlands zur NATO vorstellen, solange Russlands Interessen Berücksichtigung finden und es ein gleichberechtigter Partner ist. 

Es wäre damals eine Herausforderung für kluge westliche Diplomatie gewesen, historisch gewachsene Bedrohungsängste vor Russland, vor allem in Polen und im Baltikum, auszutarieren. Der Hass der Polen und Balten auf Russland ist, historisch gesehen, verständlich. Die junge Generation hätte aber keinen Grund zu diesem Hass, es sei denn, er wird stets aufs Neue genährt. 

Ich entsinne mich noch gut an den Gedanken von Backhaus, Russland in die EU aufzunehmen. Das war kurz vor dem Kriegsbeginn. 

Putin hat in verschiedenen Phasen seiner Amtszeit immer wieder Signale der Zusammenarbeit mit dem Westen gesendet. Einige wichtige Gelegenheiten waren: 

Putin hielt seine berühmte Rede im Deutschen Bundestag am 25. September 2001. Er sprach sich für eine enge Partnerschaft zwischen Russland und Europa aus und betonte, dass Russland ein Teil der europäischen Kultur sei. Putin warb für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Russland und der NATO, insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Er plädierte für engere Handelsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland sowie für eine wirtschaftliche Integration Europas mit Russland. Er sprach von der Notwendigkeit demokratischer Reformen in Russland und versicherte, dass Russland sich weiter in diese Richtung bewege. Die Rede wurde von vielen deutschen Politikern als historischer Moment gewertet und weckte Hoffnungen auf eine langfristige Partnerschaft zwischen Russland und Europa. Rückblickend wird sie oft als verpasste Gelegenheit für eine nachhaltige Annäherung betrachtet. Beim NATO-Russland-Rat 2002 sprach Putin von einer strategischen Partnerschaft mit der NATO. Russland und die EU arbeiteten an Wirtschafts- und Sicherheitskooperationen, darunter Energiepartnerschaften. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 kritisierte Putin die USA und den Westen scharf für ihre Dominanz, aber auch hier forderte er eine multipolare Weltordnung, die eine 

Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglichen sollte. Trotz Spannungen sprach Putin über eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur und bemühte sich um eine Normalisierung der Beziehungen zu Deutschland und Frankreich. Er erklärte, dass er Europa als Partner sehe und den Multilateralismus stärken wolle. 

Bis 2022 gab es immer wieder Phasen, in denen Putin auf Kooperation mit dem Westen setzte. Nach Beginn der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim 2014 brachen viele Brücken zum Westen weg. Putin betonte auch dann noch, dass er eine Zusammenarbeit mit dem Westen anstrebe, aber nicht um den Preis russischer Interessen. 

Seit 2014 sind über 100 Milliarden Dollar in die Ukraine geflossen für Militär, Ausbildung, US-Militärbasen, Wirtschaftshilfen. Was aber hat die USA in der Ukraine verloren, angefangen vom Maidan über den achtjährigen Krieg in der Ostukraine bis zum jetzigen Zeitpunkt? Heute ist die Ukraine bis an die Zähne bewaffnet. Tausende von ausländischen Kämpfern gibt es dort. Oligarchen bewaffneten und finanzierten eigene Milizen, die gegen die von Russland unterstützten Separatisten im Osten gekämpft haben, 8 Jahre lang mit 14000 Toten. 

22.Februar 2022 

Die Welt schreit auf vor Entsetzen. Der grundlose, völkerrechtswidrige Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine wird zur tausendfach wiederholten Formulierung. Mit der UN-Resolution von 2. März 2022 wird Russland dafür verurteilt. Allerdings hatten eine Reihe von Staaten nicht zugestimmt oder sich enthalten. Diese Länder repräsentierten etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Das könnte bedeuten, die Hälfte der Weltbevölkerung verurteilte Russland damals nicht. Nationale Interessen spielen da aber immer eine Rolle. 

Nicht wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt. Und: Ein Krieg hat immer mehrere Väter. Dies nicht offen zu sagen, wie man es in einer Demokratie erwarten könnte, auf die wir mit Recht stolz sind, ist eine unverzeihliche Unterlassung. Mehr noch. Die einseitige Berichterstattung ist Betrug. Melzer und Precht haben darüber ein Buch geschrieben. 

Stattdessen klagen wir einen kommunistisch-chauvinistischen Diktator mit Großmachtallüren an. Jahrzehntelang gepflegte und lange erfolgreiche Konzepte des Wandels durch Annäherung und Handel gelten plötzlich als der Irrtum unserer Zeit. Mitbeerdigt wurde zugleich die Kultur der Verhandlungen und der Diplomatie sowie die dauerhafte Perspektive einer Friedensordnung unter Einschluss Russlands. All dies stand blitzartig und über Nacht als vermeintlich fürchterlicher Irrtum im Raum. 

Butscha 

Im April 2022 zog Russland seine Truppen aus der Region Kiew ab. Es schien so, dass die Ukraine militärisch standhalten konnte. Es war ein Abzug, keine Niederlage. 

Und dann wurde die Welt mit Butscha konfrontiert. Die Russen sollen auf ihrem Rückzug diese Grausamkeiten begangen haben, aus Rache an den Ukrainern. Von Anfang gab es die Frage: Wem nutzt das? Selenskyj lud Politiker und Medienvertreter aus aller Welt ein und präsentierte Kriegsverbrechen der Russen an Zivilisten. Fortan war klar, dass Verhandlungen mit Putin nicht infrage kommen. 

Vorher hatte der britische Premierminister Johnson die Ukraine überzeugt, den Kampf fortzusetzen und versprach alle erforderlichen Hilfen. 

Russland hat diese Verbrechen nie zugegeben. Es gibt eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten, die alle darauf hinweisen, dass es die Russen nicht gewesen sind, dass also die Ukraine diese Massaker verübt hat oder Gruppierungen, die nicht unter der Kontrolle der Regierung operierten. Was für ein Betrug vor der Weltöffentlichkeit! 

Selbst die Ablehnung dieser Hypothese dürfte nicht die Begründung liefern, Rache und Hass zu zelebrieren, den Krieg fortzusetzen und Hunderttausende in den Tod zu schicken. 

Stattdessen war es willkommener Anlass, Russland und Putin zu verteufeln. Es wurde medial ausgeschlachtet und hat das entscheidende Argument geliefert, einen solchen Aggressor auf dem Schachtfeld zu vernichten. Es gab eine Reaktion aus dem Kreml, die aber bei uns nicht erwähnt wurde. Ohnehin hat man hier alles in Zweifel gezogen, was von dort kam. In den russischen Medien war von einer inszenierten Kampagne die Rede. Russland, das ohnehin wegen des Angriffes zunächst weltweit kritisiert worden war, soll sich einen solchen Reputationsverlust geleistet haben? 

Man führe es sich vor Augen: Mit einer gezielten Inszenierung wird der Welt eine Gräueltat der Russen präsentiert, vom Präsidenten persönlich. Und er baut darauf seine Forderungen nach Waffen und Geld und Krieg auf. 

Zeitgleich, im April 2022, sahen die Gespräche in Istanbul einen Rückzug auf die Gebiete Donezk und Luhansk vor, den Abbruch des Vormarsches Richtung Kiew, eine neutrale Ukraine, keine NATO-Mitgliedschaft, keine ausländischen Militärbasen in der Ukraine, Sicherheitsgarantien. Das waren auch die Kriegsziele Russlands. Die Frage der Krim und des Donbass sollte im Verlaufe von 15 Jahren durch Verhandlungen gelöst werden. Nach Butscha und den Anschuldigungen gegen Russland, zogen die sich von den Verhandlungen zurück. Die Chance auf ein Kriegsende war vertan. Es hatte dem Westen nicht gefallen und fordert seither hunderttausende Opfer. 

Nordstream 

Am 26./27. September 2022 wurden die Nordstream-Pipelines gesprengt. Ein kriegerischer Akt gegen eine Hauptenergiequelle Deutschlands und Europas, mit dramatischen Folgen für die Wirtschaft. Biden hatte vorher gefordert, beendet Nordstream oder wir tun es. Es hat nie eine ernsthafte Suche nach den Tätern und Auftraggebern gegeben. Es waren unsere Verbündeten und/oder Ukrainer. Es ist beispiellos. 

Dem Wort von der dümmsten Regierung (Sara Wagenknecht) kann man an dieser Stelle schlecht widersprechen. 

Die Medien 

Unsere Medien haben das Spiel mitgemacht. Die nahezu geschlossen einseitige Positionierung der Kommentare, Leitartikel und Kolumnen meinungsführender Publizisten in den deutschen Leitmedien mussten irritieren. Die Kurzform lautet: 

Demokratie steht gegen Diktatur. Der Diktator ist zu allem fähig; sein Expansionsdrang wird nach der Okkupation der Ukraine weitergehen; eine militärische Aggression kann nur mit Stärke bekämpft werden; Verhandlungen haben zu nichts geführt und werden auch in Zukunft zu nichts führen; Kriegsverbrechen gehen ausschließlich auf die barbarische Natur des Aggressors zurück. 

Gibt es eine einseitige Berichterstattung, die an der gebotenen Unabhängigkeit und Neutralität der Leitmedien zweifeln lässt? 

https://www.guentherhaussmann.de/wp-content/uploads/2025/08/Medien.docx

Bei aller berechtigten Empörung kommt nie zur Sprache, dass Kriegsverbrechen, die Tötung von Zivilpersonen, die brutale Ausübung sexualisierter Gewalt bis hin zu Plünderungen und Folterungen nicht exklusiv Exzesse einer besonders verwerflichen Kriegspartei sind, sondern immer geschehen, wenn Krieg ist und mit ihm rapide Brutalisierungsprozesse einsetzen. Der Krieg zerstört die Seelen und macht sie zu Grausamkeiten bereit, die Zivilisten sich nicht vorstellen können. Auf diese Weise sind bisher Hunderttausende gestorben, auf beiden Seiten. 

Kann man also zustimmen, wenn weiter Waffen geliefert werden, mit der Begründung, eine bessere Verhandlungsposition zu bekommen? Oder gar, den Sieg zu erringen? Über Russland? 

Im März 2024 rief Papst Franziskus die ukrainische Führung dazu auf, den Mut zur „weißen Fahne“ zu haben und Verhandlungen mit Russland aufzunehmen, um weiteres Leid zu verhindern. Das führte zu heftigen Reaktionen, da sie als Aufforderung zur Kapitulation interpretiert wurde. Der Vatikan stellte später klar, dass der Papst Verhandlungen und keinen Waffenstillstand meinte. Geblieben ist die Ablehnung. Ich bin Atheist. Aber zu einer solch gottlosen Gesellschaft fühle ich mich nicht zugehörig. 

Ohne die abschreckende Wirkung von Waffen funktioniert die Welt von heute nicht. Deshalb hat jeder Staat der Welt Streitkräfte, selbst die neutralen. Das kann man verurteilen, ist aber realitätsfern. Es muss wohl ein Gleichgewicht der Kräfte geben. Es ist das, was man nicht stören darf, damit nicht alle übereinander herfallen, schrieb Musil. 

Insofern bin ich einverstanden (als ob es auf mich ankäme), Europa so aufzurüsten, das dieses Gleichgewicht entsteht, ohne USA. 

Aber keinesfalls der Ukraine weiter Waffen schenken! 

Demagogie? 

Mit Unruhe sehe ich die Meinungsbildung in Deutschland seit 2022. Dabei ist es 

nicht schwer, Meinungshoheit zu erreichen, wenn man auf ein williges Publikum. trifft. Die Abneigung gegen alles Russische hat eine lange Geschichte und fällt jetzt auf fruchtbaren Boden. Es gibt Mechanismen, deren man sich nur zu bedienen wissen muss: Formulierungen bei jeder Gelegenheit oft genug wiederholen, um ihnen den Status des Wahren zu geben. Völkerrechtswidriger Angriffskrieg ist eine solche Formulierung. In der Sache ist das richtig. Am Anfang stehen immer diese Worte, auch dann, wenn der Text, die Rede oder das Gespräch in eine andere Richtung zeigen, bzw. sich kritisch auseinandersetzen wollen. Es steht da wie eine Selbstvergewisserung. Die Liste der abwertenden Zuweisungen ist lang: Kriegsverbrechen, Folter, Vergewaltigungen, Kindsentführungen, gezielte Angriffe auf zivile Einrichtungen und Zivilisten. Putin ist ein Kriegsverbrecher, ein Dämon, er ist krank und man darf ihm nie trauen, man kann nicht mit ihm verhandeln, er muss besiegt werden. Der KGB-Offizier Putin entstammt einem politischen System, das wir nie mehr zurückhaben wollen. Dass ihm nicht zu trauen ist bezüglich Sicherheitsgarantien, hat er hinreichend seit dem Budapester Memorandum (1994) bewiesen. Ein kommunistisch-chauvinistischer Diktator mit Großmachtallüren muss geschwächt werden. Russlands Bevölkerung muss leiden. Es darf nie wieder in der Lage sein, Krieg zu führen. 

Einseitige Berichterstattung ist in einer Demokratie nicht akzeptabel. Es ist Betrug, Steuerung, Manipulation, Vereinnahmung. Genau damit haben wir es aber von Anfang an zu tun beim Ukrainekonflikt. Worüber nicht berichtet wird, ist nicht geschehen. Kriegsverbrechen begehen nur Russen. Ukrainer kämpfen für ihre Freiheit. Es gibt jedoch keinen sauberen, gerechten Krieg. Alles, aber auch alles stirbt in einem Krieg. Die Wahrheit zuerst. Deshalb muss er beendet werden. 

Und wenn am Ende etwas als alternativlos erklärt wird, ist jede weitere Überlegung abgeschnitten. 

Sei also vorsichtig, wenn Politiker sagen, es sei alternativlos. 

Das verfängt vor allem bei Menschen, die gern sich einer Gruppe anschließen, in der sie fertige, für sie schlüssige Positionen vorfinden, über die sie nicht weiter nachdenken müssen, weil sie, zumindest in Teilen, die ihren darin vorfinden. Fortan fühlen sie sich als Mitglieder einer Gruppe und haben das befriedigende Gefühl, dazuzugehören, auf der richtigen Seite natürlich. Es entstehen Haltungen, die nicht eine rationale Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, sondern bereits das Ergebnis zurückliegender Gewissheiten sind, was jedoch bei einseitiger und unvollständiger Informationen nicht möglich ist. 

Ängste 

Die Polarisierung ist unerträglich. Der Hass auf Putin, und damit auf die Russen, (denn eine Großteil steht hinter dem Präsidenten) ist unbeschreiblich: Es handele sich bei den Tätern um eine primitive, menschenverachtende Soldateska, um Schergen, um Barbaren oder, in den Worten des ukrainischen Botschafters, russische Horden. Die ukrainische Seite dagegen kämpft um ihre territoriale Integrität, ihre Freiheit, die Menschrechte. Die Lösung muss auf dem Schlachtfeld geschehen. Russland muss besiegt werden, weil auch wir sonst unsere Freiheit und Demokratie verlieren, zu Vasallen Russlands werden. Wenn wir Putin mit einem Sieg davonkommen lassen, wird er in seinen imperialen Ansprüchen die ganze Ukraine, dann Moldau, dann das Baltikum und später auch Polen überfallen. In einigen Jahren wird er in Berlin stehen. Bis dahin müssen wir kriegsbereit sein (Pistorius). Angst zu verbreiten, am besten über den Verlust des Lebens oder zumindest über den des Wohlstands, der Demokratie und der Freiheit ist ein Mittel, um uns die Zustimmung zu Entscheidungen abzuringen. Die Unterstützung eines fragwürdigen Krieges und einer fragwürdigen Regierung gehört dazu. Es sollte klar sein, dass die Werte der ukrainischen Regierung und einer korrupten Oligarchie nicht mit unseren übereinstimmen. Diese Politiker beleidigen uns, wenn sie glauben, mit solchen Argumenten uns auf ihre Seite ziehen zu können und dabei unsere Zukunft aufs Spiel setzen. 

Nirgendwo in Europa wurde und wird Hass gegen ein Nachbarland so geschürt, gelehrt und gelebt, wie in der Ukraine gegen russischstämmige, russischsprachige Ukrainer und Russland als Staat. Sind wir uns wirklich dessen bewusst, wem wir da Unterstützung gewähren und Partnerschaft anbieten? Reicht das Pfand des Russenhasses, um die Ukraine in unsere Gemeinschaft aufzunehmen? Ja, die Ukraine soll in die EU aufgenommen werden. Man beruhigt uns, indem man Reformen davorstellt. Die EU hat ein Zersetzungsproblem schon jetzt. Mit der Ukraine käme noch eines hinzu. 

Ein Teil des deutschen Volks ist dagegen, jährlich Milliarden in einen sinnlosen, fremden Krieg und das weitere Sterben von Zigtausenden von Ukrainern und Russen zu investieren. Die deutsche Regierung riskiert unter Missachtung deutscher Interessen, dass der Ukraine-Krieg – wie ursprünglich auch von Bundeskanzler Scholz befürchtet – sich zu einem Flächenbrand ausweitet. Bisher ist die überwiegende Mehrheit der deutschen Politiker in erster Linie an einem Sieg der Ukrainer und einer Niederlage der Russen interessiert und erst nachrangig an einem Frieden. 

Politik und Medien, Medien und Politik 

Die Meinungsgeschlossenheit der Medien war zu Beginn des Krieges verständlich. Sie entstand aus Bestürzung und Empörung gegenüber Russland und aus Empathie mit den Menschen der überfallenen Ukraine. Nur ging es in der Phase der ersten Empörung noch nicht um konkrete Folgerungen und Handlungen der deutschen Regierung, sondern um die allgemein geteilte moralische Verurteilung eines Angriffskrieges. Zu Beginn, als eine Million ukrainischer Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war die Solidarität mit diesen Menschen groß. Das machte mich 

froh und stolz, wie 2015 schon einmal. Solidarität mit den Geflüchteten hätte aber von Anfang an nicht zu Solidarität mit der ukrainischen Regierung und den politischen Gruppierungen führen dürfen, denn sie haben den Bürgerkrieg im Osten orchestriert. 

Die Positionierung der Kommentare, Leitartikel und Kolumnen meinungsführender Publizisten in den deutschen Leitmedien, die Lieferung auch schwerer Waffen nachdrücklich zu fordern, ist ein demokratisch bedenkliches Phänomen, weil es nicht zu den Aufgaben der Medien gehört. 

Umgekehrt sind Leitmedien keine Vollzugsorgane staatlicher Meinungsmache. Die Gleichförmigkeit der Berichterstattung zur Ukraine ist auffällig und steht im Gegensatz zu vielen anderen Stimmen. Das entsteht sicher nicht durch eine zentrale Steuerung oder eine Verschwörung, wohl aber durch eine Kombination aus strukturellen Abhängigkeiten, Gruppendruck, ideologischer Prägung und der Dominanz weniger großer Nachrichtenagenturen. Öffentlich-rechtliche Medien werden von Gremien kontrolliert, in denen Vertreter der etablierten Parteien sitzen. Ihren Einfluss auf die Berichterstattung muss man nicht beweisen wollen. Die Realität zeigt es. 

Alternative Sichtweisen werden oft von vornherein ausgeschlossen oder als illegitim dargestellt. In einer so wichtigen Frage wie der Positionierung zum Ukrainekonflikt und dem Waffenexport, der das Sterben dort verlängert, wäre eine offene Debatte aber essentiell. In den Medienhäusern gelten bestimmte Sichtweisen als akzeptabel. Man darf annehmen, wer von der Linie abweicht, riskiert berufliche Nachteile. Es entsteht ein Mechanismus der Selbstselektion: Kritische Stimmen sind seltener, da sie sich nicht durchsetzen oder vorsichtiger formulieren. Am Ende haben alle ein Interesse an ihrem beruflichen Fortkommen, eine Verantwortung ihren Familien gegenüber. Also ordnen sie sich ein. 

Medien haben eine starke Tendenz, nicht nur über Fakten zu berichten, sondern auch zu bewerten, welche Positionen erlaubt sind. Abweichende Meinungen zu Themen wie Butscha oder der Schuldfrage am Ukrainekrieg werden als russische Propaganda oder Verschwörungstheorie eingestuft. 

Wie nun weiter? 

In Deutschland herrscht eine ausgeprägte Orientierung an der NATO und den USA, auch als Folge der Nachkriegsgeschichte. Antiamerikanische oder prorussische Berichterstattung ist gefährlich, gelten als unpatriontisch und antidemokratisch. 

Amerika ist unser nächster Verbündeter. Niemand hat das jemals infrage gestellt. Jetzt, da sich die USA scheinbar von uns abwenden, reift die Einsicht, sich selbstständig und unabhängig zu machen. Niemand beschuldigt jene, die diese Abhängigkeit zugelassen haben. Alle beschuldigen aber jene, die mit Russland ein friedliches Miteinander gesucht haben, zu unserem wirtschaftlichen Vorteil, jahrzehntelang. 

Wir haben uns von Russland abgewandt, die USA wenden sich womöglich von uns ab. Wir stehen allein da, zerstritten wie wir sind. Wir brauchen Waffen, die wir nicht haben. Wir brauchen Geld, das wir nicht haben. Es muss schnell gehen, bevor Russland das ausnutzt, und den Krieg nach Westen ausweitet. Die Waffen kaufen 

wir bei den Amerikanern. Bis zu 5% des BIP werden gefordert. Ein gewaltiges Geschäft für die Amerikaner, das ihnen Trump da verschafft. So wird er vermutlich wiedergewählt. 

Man verkauft die größte Verschuldung der Weltgeschichte als „wir müssen an unsere Kinder denken“. Es ist ein Sondervermögen, also keine Schulden, sondern ein Vermögen. (Alles das, um nebenbei einen Krieg fortzuführen.) 

Niemand wird je mit den USA einen konventionellen Krieg beginnen. Mit Europa sieht das womöglich anders aus. Da kommt es darauf an, wen wir uns zum Feind machen. 

Wie sich das in der Folgezeit weiterentwickeln wird, lassen die immer mächtiger werdenden BRISC-Staaten vermuten. Es sind derzeit zehn Staaten, die die Hälfte aller Menschen der Erde repräsentieren, mehr als 40 Staaten haben mit Stand 2023 Interesse an einer BRICS-Mitgliedschaft geäußert. Die Welt hat wohl die Nase voll vom Hegemoniestreben der USA. 

Vernunft besteht darin, dass man mit anderen und ihren anderen Konzepten, Auffassungen, Weltanschauungen zu einem gemeinsamen, verbindlichen Beschluss kommen kann. Gerade handelt die deutsche Politik nicht vernünftig. 

Tun wir gerade das Richtige?